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Was ist Konstruktiver Journalismus?

Der Journalismus hat ein Problem. In diesen Zeiten von “Fake News” und “Filter Bubble” und “Confirmation Bias” tritt dieses Problem sehr deutlich zu Tage. So deutlich, dass wir es uns einmal etwas genauer anschauen sollten. Journalismus bildet nicht die ganze Wirklichkeit ab, obwohl er vorgibt, das zu tun. Journalismus schaut vor allem auf Skandale, Krisen, Konflikte, Streit und Zwist, Katastrophen und Unfälle – und berichtet in weit überwiegendem Maße darüber. Und das ist ja auch richtig so und nötig.

Aber: Es ist eben nicht alles. Denn dadurch wird die Wirklichkeit verzerrt dargestellt. Nehmen wir ein paar klassische Beispiele für dieses verzerrte Bild, das Journalistinnen und Journalisten – im Detail meist korrekt! – zeichnen. Nehmen wir den riesigen Kontinent Afrika beispielsweise. Was wissen wir in Deutschland über Afrika? Dass es dort Dürren gibt. Und Korruption. Kriege und Unterdrückung. Analphabetismus und Magie. Beschneidung und Frauen-Unterdrückung. Und natürlich AIDS und Armut , Kriminalität und Mord. Das ist das, was in den Nachrichten über Afrika berichtet wird.

Aber stimmt diese Ausschließlichkeit? GIbt es nicht in Afrika auch einen ganz normalen Alltag? Familien, die ihrer Arbeit nachgehen, ein Abendessen kochen und den Kindern bei den Schulaufgaben helfen? Menschen, die in Büros arbeiten? Frauen, die sich Gleichberechtigung erkämpfen?

Journalisten beschreiben die Realität innerhalb eines Rahmens, der sich im Laufe der Zeit eher unbewusst etabliert hat. Das Bild innerhalb des Rahmens ist nicht falsch im engen Sinn des Wortes, auch nicht gefälscht, aber es wirkt verfälschend, weil es nur eine sehr verengte Perspektive auf die Realität erlaubt. Und das Fatale ist: Wir, die Mediennutzer, bemerken es nicht. Auch wenn wir uns für gebildet und kritisch halten. Der ständigen Wiederholung und der Macht der Bilder kann sich niemand entziehen. 

Charlotte Wiedemann, Auslandskorrespondentin

Nehmen wir ein anderes Beispiel. Auslandskorrespondenten, die in Deutschland unterwegs sind, gehen besonders gerne zu Naziaufmärschen und berichten über diese. Das ist richtig und notwendig und darüber muss berichtet werden. Aber bilden diese 200 NPD-Schreier wirklich Deutschland ab? 82 Millionen gegen 200?

https://www.freitag.de/autoren/der-freitag/die-gerahmte-welt

https://www.deutschlandfunk.de/konstruktiver-journalismus-auf-der-suche-nach-loesungen.2907.de.html?dram:article_id=441449

https://www.sueddeutsche.de/medien/konstruktiver-journalismus-man-wirbt-immer-1.4477884

Was ist “False Balancing”?

Unter “Falscher Gleichgewichtung” leidet der Journalismus grundsätzlich, weil “Gleichgewichtung” in gewisser Weise das Grundprinzip des Journalismus darstellt: Wir sorgen für Objektivität, in dem wir beide Seiten anhören: Wie zeigen, was die Regierung sagt und was die Opposition daran kritisiert. Wir zeigen, was eine Bürgerinitiative von einem Unternehmen fordert und fragen auch beim Unternehmen nach. Wir hören nach Gerichtsurteilen die Anwälte der Beschuldigten und der Klägerinnen und Kläger an. Sehr ausgewogen, sehr balanciert, objektiv – so kommen wir der Wahrheit doch am nächsten, oder? Das stimmt natürlich immer dort, wo es Meinungen gibt, unterschiedliche Bewertungen, unterschiedliche Interessen. Schützt das neue Gesetz die Arbeitnehmer vor Ausbeutung? Die Regierung findet: Ja. Die Opposition findet: Nein. Sind die neuen Schuhe hübsch? Katrin findet: Ja. Katharina findet: Nein. Beide Meinungen, Einschätzungen und Bewertungen sind in etwa gleichrangig, einigermaßen gleich wichtig. Journalismus erfüllt seine Aufgabe, wenn er beide Haltungen darstellt.

Das klappt aber nicht bei Fakten. Fakten sind keine Meinung, Fakten sind keine Bewertung. Fakten sind, wie sie sind. Ich wiege 88 Kilogramm. Darüber kann ich nicht diskutieren, die Waage ist unbestechlich, Ich kann bewerten, ob das zu viel oder genau richtig ist – okay. Aber ich kann das Faktum nicht leugnen oder relativieren. Sascha Lobo erklärt diese Problematik seit einigen jahren mit dem sehr schönen Bild, der Mond sei aus Käse:

Wenn Trump morgen sagt, der Mond sei aus Käse, dann lauten die Schlagzeilen: “Trump: Mond aus Käse”, “Trumps Äußerung zum Mond wird von Nasa zurückgewiesen”, “Diskussion um Trumps umstrittene Mond-Meinung”. […] Die ersten Fragestellungen in klassischen Medien tauchen auf, ob nicht ein kleiner Teil des Mondes zumindest theoretisch aus Käse sein könnte […] Oder ob das nicht ohnehin allegorisch verstanden werden müsse und daher durchaus bedenkenswert sei. Letztlich seien die armen Käsemondbürger durch das ständige Beharren der Wissenschaft, der Mond sei aus Stein, geradezu in ihre Weltsicht hineingezwungen worden. Man dürfe nicht einmal mehr ohne harschen Widerspruch den Käsemond erwähnen: Political Correctness in der schlimmsten Form – Zensur, Stalin, Käsemord.

Sascha Lobo, Spiegel-Kolumnist

Es gibt (hoffentlich!) einen wissenschaftlichen Konsens darüber, dass der Mond eben nicht aus Käse ist. Wer das ernsthaft behauptet, macht sich einfach lächerlich, und wer das glaubt, auch. Journalistinnen und Journalisten können nicht einfach sagen: Oh, 99,9 % aller Menschen meinen, der Mond sei nicht aus Käse, aber es gibt ein, zwei Menschen, die das doch behaupten. Fazit: Ob der Mond aus Käse ist, bleibt umstritten…

Das ist natürlich völliger Quatsch. Und trotzdem passiert es im Journalismus immer wieder, fast aus Prinzip. Fakten sind Fakten, und wenn jemand sie verdreht oder frei erfindet, müssen Journalisten dies auch so sagen. Aber selbst die journalistische Institution BBC ist nicht frei von dieser falschen Gewichtung, wie ARD-Korrespondentin Annette Dittert kritisiert:

Wieder einmal wurde ein großer Teil der wertvollen Sendezeit damit vertan, rechten Populisten wie Nigel Farage und anderen fanatischen Brexiteers das Wort zu geben, ohne sie wirklich mit ihren Lügen zu konfrontieren. Für diese Art des hilflosen BBC-Journalismus gibt es auch schon ein Wort in Großbritannien: „False Balance“. Um dem politischen Druck des Brexit-Lagers zu entgehen, verteilt die BBC ihre Sendezeit einfach gleichmäßig an beide Seiten. Wo aber das politische Klima so verkommen ist, dass eine Seite notorisch die Fakten verdreht, ist das eine gefährliche Strategie.

LOndon-Korrespondentin Annette Dittert

Denn genau hier versagt der Journalismus: Wenn er nicht mehr zur Aufklärung beiträgt und auf der Suche nach der “Wahrheit” (soweit es diese geben kann) ist, sondern auch Lügen und Verschwörungstheorien unwidersprochen zu Wort kommen lässt. Besonders deutlich wird dies bei der Diskussion um den menschengemachten Klimawandel, der wissenschaftlich weitestgehend als Faktum akzeptiert ist und gut und gründlich belegt ist. Aber, es gibt auch ein paar Menschen, die das anders sehen. Kommen sie nun in journalistischen Formaten ebenfalls zu Wort, erhalten sie überproportionale Aufmerksamkeit. Und bei Publikum bleibt die Einschätzung zurück: Nix genaues weiß man nicht, die einen sagen so, die anderen sagen so.

Hier macht sich imho der Journalismus schuldig. Er klärt nicht auf, er verschleiert. Er sagt nicht, wie die Situation ist, sondern erschafft eine eigene Wahrheit. Die falsche Wahrheit, dass Klimwandel doch höchst umstritten sei. Nein, das ist er nicht. Zumindest zu 97 % nicht.

Journalismus muss diese “False Balance” also als Problem für die Berichterstattung ernst nehmen und dafür Lösungen finden. Eine Möglichkeit: Das auch genauso anzusprechen und in Grafiken zu zeigen.

Was ist Konstruktiver Journalismus?

Prof. Hans Henrik Knoop, Director of the Positive Psychology Research Unit
at Aarhus University, Denmark, about Constructive Journalism
NDR-Info – Constructive Journalism – Ein Besuch bei der BBC (24 Min, verfügbar bis 31.07.2021). Autorin: Charlotte Horn

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